.Buchprojekt.

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Künstlerin ohne Kompromisse und Konzessionen –
Die Malerin Malva Schalek

Idee

Ralf Pasch (Historiker)

Dr. Ilka Wonschik (Kunsthistorikerin)

Kai Pfeiffer (Künstler & Grafiker)

Inhalt

Die von dem NS-Regime beabsichtigte Zäsur in Kunst und Kultur hat dafür gesorgt, dass eine große Anzahl von jüdischen Künstlerinnen und Künstler aus dem kulturellen Leben in Deutschland ausgegliedert wurden. Schritt für Schritt löschte man die Erinnerung an ihr Leben aus dem Gedächtnis ihrer Mitmenschen. Und dieses „Sich-nicht-Erinnern“ hält bis heute an, viele Dokumente über diese Künster*innen und oft auch viele ihrer Werke sind verschollen oder gar vernichtet. 

Dies gilt auch für die in Prag geborene Malerin Malva Schalek (1882–1944), die als Absolventin der Münchner Damenakademie zu einer gefragten Porträtmalerin Wiens wurde. Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Österreich floh sie nach Nordböhmen und später in ihre Geburtsstadt Prag, von wo aus sie in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurde. In Theresienstadt war sie eine der Künstlerinnen und Künstler, die das Lagerleben eindrucksvoll dokumentierten. Ein Jahr vor Kriegsende wurde sie nach Auschwitz deportiert, wo sie zwei Tage nach ihrer Ankunft starb.

 

 

Exposé

Früh entdecken die Eltern Schaleks die künstlerische Begabung von „Mäffchen“, wie die Tochter in der Familie liebevoll genannt wird. Sie schicken Malva nach Wien, wo sie Privatunterricht bekommt. Ihr Onkel Joseph von Simon, Bankier und Kunstmäzen, Mitbesitzer des Theaters an der Wien und in der Strauß-Familie verkehrend[1], sorgt dafür, dass sie eine Ausbildung an der Damenakademie in München absolviert. Das für damalige Verhältnisse fortschrittliche Konzept solcher Schulen ermöglicht Frauen, denen das Studium an den Kunstakademien versagt ist, eine künstlerische Ausbildung. Das pädagogische Konzept der Münchner Akademie dient der wenig später in Berlin gegründeten Akademie als Vorbild. Zurück in Wien bezieht Malva ein Atelier im Dachgeschoss des Theaters an der Wien.

Malva Schalek wird vor allem mit Porträts aus dem Wiener Bürgertum bekannt. Ihre Werke sind bei diversen Ausstellungen zu sehen, zum Beispiel 1910 in der Wiener Sezession, in der sie Mitglied wird. „Künstlerin ohne Kompromiss und Konzession“ nennt sie der Kritiker Max Milrath. Das viel gelobte Bildnis des Schauspielers Max Pallenberg, der auch im Theater an der Wien auftritt, entsteht in dieser Zeit. 

Unter den Eindrücken der Weltwirtschaftskrise von 1929 beschäftigt sich Schalek dann immer wieder auch mit sozialkritischen Themen, wie zum Beispiel in dem Ölgemälde Arbeitsloses Ehepaar, das zur damaligen Zeit in der Wiener Presse großen Anklang findet.

Im März 1938 marschieren die Nationalsozialisten in Österreich ein. Für Malva als Jüdin wird die Situation so bedrohlich, dass sie das Land verlässt. Mit ihrer Haushaltshilfe und Freundin findet sie Unterschlupf bei ihrem Bruder Robert in der nordböhmischen Kleinstadt Leitmeritz. Wenig später besetzen die Nationalsozialisten die Sudetengebiete. Robert und Malva fliehen nach Prag. Während ihr Bruder untertauchen kann, erhält Malva 1942 ihren Deportationsbefehl in das Ghetto Theresienstadt. „In dem Moment, da ich Prag verlassen muss und nicht weiß, ob ich wieder zurückkehre, ist mein traurigster Gedanke, dass ich Dich, Euch alle vielleicht nie mehr sehen werde", schreibt sie kurz vor dem Abtransport an ihre Schwester Jula, die zu diesem Zeitpunkt schon emigriert ist.

Im Ghetto ist Malva mit etwa vierzig Frauen in der Hamburger Kaserne untergebracht. Trotz aller Qualen nimmt sie das Malen wieder auf und hält ihre Beobachtungen auf Papier fest. Im Ghetto trifft sie die Journalistin Anna Auředničková, beide kennen sich aus Wien. Auředničková berichtet später, ein mit den Nationalsozialisten kollaborierender Bewohner des Ghettos habe sich von Malva porträtieren lassen wollen. „Ich zeichne den charakterlosen Lumpen nicht“, erklärt die Malerin der Freundin, „und wenn es mich den Kopf kostet!“ Im Mai 1944 wird sie nach Auschwitz deportiert. Ihr Schwager Ignatz Eckstein berichtet in einem Brief: „Maeffchen ist […] zwei Tage nach ihrer Ankunft in Birkenau gestorben; so ist ihr wenigstens die Gaskammer erspart geblieben.“

Viele ihrer Wiener Werke sind verschollen oder über die ganze Welt verstreut. Ihr Vermächtnis sind die über hundert Zeichnungen, die aus Theresienstadt gerettet werden konnten. Sie sind psychologisch präzise beobachtete Zeugnisse, die das Leben in dem Ghetto dokumentieren.

Anna Auředničková, die die Shoa überlebte, schrieb in einem Zeitungsbeitrag über die gemeinsame Wiener Zeit: „Die zarte schlanke Gestalt mit dem durchgeistigten Gesicht war überall zu sehen, wo Künstlerinnen zu Wort kamen […]. Immer allzu bescheiden, drängte sie sich nie in den Vordergrund: sie zeichnete, malte, war ganz Künstlerin.“

 

Die geplante Biografie rekonstruiert erstmals die faszinierende Lebensgeschichte Malva Schaleks und dokumentiert ihr reiches künstlerisches Schaffen. Erzählt werden soll diese Lebensgeschichte mit einer Mischung aus Prosa, Graphic Novel und Bildern. Diese unterschiedlichen Stilmittel ermöglichen ein lebendiges Herangehen an das couragierte Leben der Künstlerin und wirken so gegen das Sich-nicht-Erinnern – eine ebenfalls in Theresienstadt internierte Künstlerin hatte genau diese Ängste sehr eindringlich in ihrem Tagebuch zum Ausdruck gebracht:

 „… hier [Theresienstadt] wird man nur in Gemeinschaft eingeäschert, und keinerlei Denkstein erinnert an die Existenz der Guten und Bösen, der Bedeutenden und der Unbedeutenden. Man wird buchstäblich ausgelöscht, und das wird wohl überhaupt im neuen Europa, oder wie sich die Welt nach diesem ungeheuren Ringen gestalten wird, die Collektivform für Sein oder Nichtsein werden.“[2]

 

[1] Er heiratete L(o)uise Deutsch, eine jüngere Schwester von Adele Strauß, der dritten Ehefrau von Johann Strauß (Sohn). 

[2] Else Argutinsky-Dolgorukow, Tagebuchaufzeichnung  aus Theresienstadt vom 01. Mai 1943